Die Entwicklung des Elite-Spielers

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In diesem ersten Teil des zweiteiligen Artikels schreibt der ehemalige Direktor der Valencia CF Academy, José Portoles, über die Evaluation von “Elite-Spielern”. Im darauf folgenden zweiten Teil geht es um die Konzeption der Elite-Akademie.

Youth Development – eine verantwortungsvolle Aufgabe

Die folgenden Erkenntnisse basieren auf der Analyse und den persönlichen Erfahrungen des Autors, die er während seiner professionellen Karriere und seiner wissenschaflichen Arbeit mit dem „Phänomen der Entwicklung von Elite-Spielern“ machte. Er möchte hier kein Dogma oder unveränderbare Maxime aufstellen, viel mehr ist die Anregung zu weiteren Auseinandersetzung und Diskussion über diese verantwortungsvolle Aufgabe das Ziel.

Elite-Spieler vs. Elite Spieler in der Entwicklung

Für die weitere Analyse ist es zunächst wichtig, zwischen drei Entwicklungsstufen auf dem Weg zum Elite-Spieler zu unterscheiden:

  • Potenzielle (Elite-)Spieler: Junge Talente, mit dem sportlichen Entwicklungspotenzial zukünftig höchste Leistungsebenen zu erreichen, auch wenn der aktuelle Leistungsstand nicht herausragend ist.
  • (Elite-)Spieler im Entwicklungsprozess: Junge Talente mit großem Entwicklungspotenzial, die sich bereits in der Ausbildung befinden. Kennzeichnend ist hier, dass die Leistung durch den Lernprozess weiter über aktuelle bzw. frühere Leistungsstände gehoben wird. In diesem Zusammenhang besteht ein fließender Übergang vom potenziellen Elite-Spieler.
  • Elite Spieler: Er ist so weit entwickelt, dass er die Fähigkeiten hat um an professionellen Wettbewerben auf höchstem Niveau teilzunehmen. In Deutschland wäre das beispielsweise die erste und zweite Bundesliga.

Elite-Spieler sind dementsprechend Erwachsene, die den Lernprozess bis zum Fußballprofi erfolgreich durchlaufen haben und an Wettbewerben auf höchstem Level teilnehmen können. Hier steht der aktuelle Leistungsstand über dem Lernprozess. Dieser Unterschied macht auch deutlich, dass wir zwischen Leistung und Potenzial oder dem Lernprozess unterscheiden und diese abhängig von der entsprechenden Phase differenziert betrachten müssen.

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Kinder, die von Natur aus die genetischen Voraussetzungen für eine überdurchschnittliche physisch-sportliche Leistung haben, werden auch perspektivisch mehr Möglichkeiten zum Erreichen von Höchstleistung haben. Aber die Gene allein legen das zukünftige Potenzial nicht fest, sie liefern nur die Prädisposition. Deswegen muss die persönliche Voreinstellung (Natur) in den Kontext der Stimulierung durch die Umwelt gesetzt werden (Nurture), die die nötige Interaktion für die Entfaltung des vollen individuellen Potenzials ermöglicht. Treffen beide Aspekte perfekt aufeinander (Nature + Nurture), spricht alles für die Entwicklung eines genialen Spielers. Doch es ist ein Irrtum, dass Genies weniger dafür tun müssen, sie beginnen nur mit einem Vorteil an der Startlinie. Auch für sie ist es notwendig viel zu investieren, um ihren genetischen Vorteil voll auszunutzen.

Es ist offensichtlich, dass unsere Intervention in die Natur nicht möglich ist und aus diesem Grund müssen wir unsere Anstrengungen auf die Organisation der am besten geeigneten Reize konzentrieren. Durch die Schaffung der bestmöglichen “vitalen Umgebung” oder “ökologischen Nische” kann das Kind die Initiative zur Interaktion mit der Umgebung selbst ergreifen und die optimale und volle Entfaltung des Potenzials wird möglich.

“Unser Ausbildungsziel ist deshalb, jedes Kind in die Lage zu versetzen, sein volles Potenzial zu entfalten”

Da wir nicht dazu in der Lage sind in die Geschicke der Natur einzugreifen (zumindest im Moment nicht), ist es wichtig, den ‚Startpunkt‘ der Nachwuchsspieler so gut wie möglich zu kennen. Denn dieses Wissen erleichtert die präzise Anwendung der geeigneten Maßnahmen für jedes Individuum. Der derzeit vorherrschende Kenntnisstand der Bewertungsmethoden für Kinder orientiert sich zu sehr an der Dynamik von Erwachsenen und ist deswegen unangemessen. Es ist erforderlich die adäquaten Methoden für jede Phase der Spieler zu kennen und mit allen Konsequenzen auch anzuwenden. In dieser Hinsicht können wir nicht so vorgehen, das zukünftige Potenzial von Kindern mit den Bewertungskriterien von Erwachsenen zu messen und die unmittelbare, aktuelle Leistung als Maßstab anwenden. Das würde bedeuten wir klassifizieren 6- bis 8-jährige Kinder auf dieselbe Weise wie professionelle Spieler. Dies führt zu einer Diagnose, die nur die Oberfläche berührt aber nicht die Hintergründe. Als ob wir ein Kind als zukünftigen Fußballstar klassifizieren könnten, nur weil es als Kind herausragende Leistung zeigt. Das ist leider nicht der Fall.

Während des Ausbildungsprozesses sind wir auf Bewertungskriterien angewiesen, die mehr im Einklang mit den entscheidenden Faktoren für Spieler im Entwicklungsprozess stehen und ihre Möglichkeiten in der Zukunft fokussieren: ihr Potenzial. Dementsprechend wird ein Prozess zur Prognose empfohlen, der uns validere Erkenntnisse darüber gibt, wie weit ein Nachwuchsspieler zukünftig mit seinem Potenzial kommen kann. Dabei muss die aktuelle Leistung weniger stark bewertet und ihr Wert in Relation zu weiteren Kriterien gesetzt werden, die mehr den Menschen als Ganzes erfassen und nicht nur das aktuelle Fußballspiel.

An diesem Punkt können wir mit Sicherheit feststellen, dass für „Talent im Fußball“ oder den zukünftigen Elite-Spieler nicht nur gute Leistung im jungen Alter zählen, sondern auch ein größeres Entwicklungspotenzial als das anderer Spieler.

Der Beginn der verzögerten (Höchst-)Leistung

Um die volle Entwicklung des Potenzials zu gewährleisten, müssen Fördermaßnamen einerseits auf die fußballerische Entwicklungsphase und andererseits auch auf die generellen Entwicklungsphasen, die alle Kinder und Jugendlichen durchlaufen angepasst werden. Unsere Arbeit mit Kindern darf kein Wettrennen mit der schnellstmöglichen Leistungssteigerung werden und der Zielvorstellung im Juniorenalter das höchste Leistungsniveau zu erreichen. Die Anwendung von Ausbildungskonzepten und Trainingsprogrammen die eine frühzeitige Spezialisierung („Early Specialisation“) von Kindern zur Folge haben, führt auch zwangsläufig zu einer Begrenzung in eine bestimmte Richtung. So kann zwar kurzfristig das Leistungsnevau gesteigert werden, doch wird dadurch auf eine breitere (Bewegungs-)Erfahrung verzichtet, die langfristig die Basis für die Ausschöpfung des vollen Potenzials in der Zukunft bildet.

Nature vs. Nurture

Welchen Anteil die genetische Prädisposition an den Fähigkeiten zukünftiger Elitesportler hat, ist selbst in der Wissenschaft umstritten. Unumstritten ist hingegen, dass selbst das höchste Leistungsniveau bei Kindern und Jugendlichen keine Garantie für die zukünftige Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter ist. Ein gutes Beispiel dafür zeigt die Analyse der ersten vier Plätze bei Weltmeisterschaften. Denn auch hier besteht keine Korrelation zwischen den vier bestplatzierten Teilnehmern der U17, U18, U19 und U20 mit den bestplatzierten der Herrenteams in den folgenden Jahren.

Die Spieler mit dem höchsten Leistungsniveau (FIFA’s “Best Players”) während der Weltmeisterschaft 2006 waren im Durchschnitt 29,9 Jahre alt und, was noch interessanter ist, bei ihrem ersten Einsatz in der A-Nationalmannschaft waren sie bereits 22,65 Jahre alt. Diese Forschungsergebnisse zeigen, dass mit ca. 22 Jahren eine Höchstleistungsgrenze erreicht wird und eine hohe Wahrscheinlichkeit für sieben weitere Jahre auf höchstem Leistungsniveau darauf folgt.

Die fehlende Kenntnis über die Entwicklung von jungen Spielern führt neben anderen Problemen auch zum “Relative Age Effect”: Deutlich mehr Kinder in Juniorenteams sind in der ersten Jahreshälfte geboren. Diese Kinder haben normalerweise einen Vorteil durch Wachstum und Reife, der besonders in jungen Jahren in Bezug auf die unmittelbare Leistung zur Geltung kommt. Aber dieser Vorteil verringert sich auch wieder über die Zeit bis zum Erwachsenenalter. Trotzdem werden früher im Jahr geborene Kinder mehr gefördert und erhalten dadurch Möglichkeiten, die später geborene nicht haben. Das bedeutet letztendlich ein Verlust von zukünftigen Ressourcen, denn im professionellen Bereich spielt der Geburtsmonat keine Rolle mehr. Der Anteil im ersten Halbjahr geborener Spieler ist hier nur 55 zu 45 Prozent.

» Weiterlesen: Die Elite-Akademie – eine Perspektive von Jose V. Portoles
In diesem Teil des zweiteiligen Artikels schreibt der ehemalige Direktor der Valencia CF Academy, José V. Portolés Montañés, über die Entwicklung von Elite Spielern, im zweiten Teil geht es um die die Konzeption der “Elite-Akademie.”

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es wäre schön, wenn diese Erkenntnisse endlich einmal von den unwissenden Jugendleitern und -koordinatoren der leistungsorientierten Vereine verinnerlicht, und den aggressiven Scouts der Lizenzvereine akzeptiert würden. Mit einer ausschließlich leistungs- und erfolgsorientierten Sichtweise werden nicht nur die vermeintlichen Talente, sondern deren gesamtes soziales Umfeld verrückt gemacht.

    Alle Anhänger des Leistungssports sollten endlich die Erkenntnis an sich heranlassen, dass eine polysportive Ausbildung und eine eigenmotivierte und universelle spielsportliche Beschäftigung bis Ende der 1. puberalen Phase den optimalen Nährboden für die besten Leistungssportler im relevanten Alter gibt. Diese Erkenntnisse werden durch eine kurzfristig angelegte “Talentprognose” und bedingt durch den Erfolgsdruck der jeweiligen Vereinsverantwortlichen begründet.

    Die vielen zerstören heranwachsenden Persönlichkeiten inklusive deren irritiertes soziales Umfeld sind m. E. bewußt geduldete Kollateralschäden, die ja nur ein kleiner Teil der Bevölkerung erfährt.
    Die enthusiastischen ehrenamtlichen Jugendtrainer sind dann diejenigen, welche den verwirrten Persönlichkeiten wieder die Freude und Motivation zurückgeben sollen, die in den Hochleistungssportjahren verloren wurde.

  2. Beeindruckend u tatsaechlich sehr viel Realitaet bei den Ausfuehrungen,
    das bestaetigt die enorme Flukationen in den deutschen NLZ’s
    geschweige denn die schlechte Durchlaessigkeitsquote….,
    vielzuviel Kampf u Krampf eingeschnuerrt in ein Korsett unterhalb der U15,
    gibt es fuer derartige Kommunikationsplattformen in Sueddeutschland Seminare,
    wuerde mich aufgrund meiner mehrjaehrigen Mitarbeit in einem deutschen NLZ,
    u Talentsichtungsarbeit weiter sehr interessieren…

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