Nachwuchsarbeit in Barcelona: die Rolle der Spielphilosophie

Die Spielphilosophie als Erfolgsfaktor

Eine erfolgreiche Strategie, um Spieler für die erste Mannschaft auszubilden ist der wichtigste Erfolgsfaktor der Nachwuchsförderung für Profiklubs1. Da liegt es nahe, dass sich die Spielidee der Profimannschaft wie ein roter Faden durch die Ausbildung zieht. Die Spielphilosophie gibt dazu einen klaren Rahmen, aus dem sich grundsätzliche Prinzipien für Spielweise und Training ableiten lassen. Doch was beinhaltet eine Spielphilosophie genau und wo kommt sie her? Dieser Artikel ist Teil der Serie über das Erfolgsrezept des FC Barcelona und zeigt einen möglichen Entwicklungsprozess. Es wird analysiert wie Spieler, Trainer und die Nachwuchsarbeit von der Spielphilosophie profitieren können.

Definition Spielphilosophie

Die Philosophie, laut Wikipedia die „Liebe zur Weisheit“, beutet in diesem Zusammenhang: wissen wie und im welchem Rahmen gespielt werden soll. Es geht also um eine klare Vorstellung der Spielweise und Einstellung, ohne die eine zielgerichtete Ausbildung schwer möglich ist.

Auch wenn das Handeln im Sinne eines gemeinsamen Ausbildungsziels erstrebenswert scheint, arbeiten viele Vereine losgelöst von übergeorneten Zielvorstellungen. Die Trainer der Nachwuchsabteilungen stehen dann vor der Herausforderung zunächst eine eigene Spielphilosophie zu entwickeln. Denn Spielstil, Basisformationen, Positionsspiel und Automatismen können nur so einen übergeordneten Rahmen für zielführende Ausbildungsinhalte geben. Sicher ist es auch möglich das Training aus dem Bauch heraus zu gestalten und am Wochenende zu gewinnen, doch mit einem Ordnungsrahmen bekommt der Weg zum Erreichen der Ausbildungsziele eine transparente Struktur. Alle beteiligten erhalten eine klare Zielvorstellung und Orientierungspunkte zum Erreichen der Ziele.

Das folgend dargestellte Modell zur Entwicklung einer Spielphilosophie von Thomas Zivic2 ist kein Dogma, sondern soll hier beispielhaft zur Erläuterung der verschiedenen Aspekte dienen.

Entwicklungsprozess einer Spielphilosophie2

  1. Entscheidung für einen Spielstil
  2. Vorstellung der Basisformation auf dem Spielfeld
  3. Vorstellung von Basisaufgaben der Spielerpositionen
  4. Vorstellung von Automatismen in bestimmten Spielphasen

1. Der Spielstil als Grundlage der Spielphilosophie

Am Anfang des Entwicklungsprozesses steht die Entscheidung für einen Spielstil. Von den beiden Reinformen der Spielstile, (1) Ballbesitz und (2) Balleroberung, setzt der FC Barcelona bekanntermaßen auf Ballbesitz: mit kurzen Pässen wird das Spiel aufgebaut, um dann mit einem Pass in die Tiefe den Rhythmus zu ändern und so zu Torchancen zu gelangen. Den gegensätzlichen Spielstiel zeigte Chelsea während der Champions Leage 2012. Auf “Balleroberung” spielen: den Gegner kommen lassen, in bestimmte Zonen lenken, um dann das Konterspiel anzusetzen.

2. Die Basisformation zur Umsetzung des Spielstils

Von den 3 grundlegen Basisformationen, 4:3:3, 4:4:2 und 3:5:2, aus denen sich weitere Aufstellungen und Spielsysteme ableiten lassen, orientieren sich alle Teams des FC Barcelona am 4:3:3. Auch im unteren Jugendbereich orientiert sich die Basisformationen mit dem 3:2:1 an der positionsspezifischen Ausbildung für das folgende 4:3:3.

3. Positionsspezifische Basisaufgaben

Die positionsspezifischen Aufgaben können natürlich abhängig von Trainer, Spielertypen und Gegner variieren. Doch sind grundlegende Prinzipien in der Spielphilosophie verankert, kann jeder Trainer und Spieler bis zur untersten Jugend auf diesen Ordnungsrahmen zurückgreifen. Beim FC Barcelona sind dies z.B. der Pass in die erste Reihe als erste Option für den Torspieler. Ein weiteres Beispiel sind die offensiven Aufgaben der Außenverteidiger, die schon beim 7-gegen-7 lernen Angriffe mitzugestalten. Oder die Stürmer, die schon im 3:2:1 System bis zur U11 lernen den Ball auf der Ballseite zu spiegeln.

4. Vorstellung von Automatismen

Automatismen stellen in diesem Zusammenhang Handlungsweisen dar, die ohne weitere Aufmerksamkeit von selbst erfolgen. Individuelle Automatismen werden durch viele Wiederholungen kognitiv verankert. Teamtaktische Automatismen sind einstudierte Spielzüge, an denen mindestens zwei Spieler beteiligt sind. In dem Modell von Thomas Zivic ist die klare “Vorstellung der Abläufe in den verschiedenen Phasen des Spiels” ein wichtiger Faktor für den Trainer, um die Spielweise der Mannschaft zu gestalten. Im unteren Jugendbereich werden auch beim FC Barcelona keine theoretischen Taktikinhalte gelehrt, hier liegt der Fokus auf der Technikschulung. Doch gibt es eine Reihe von Spielformen, die auch die jünsten Spieler auf die taktischen Herausforderungen vorbereiten, so dass sie Taktik lernen ohne es zu merken. Auch hier wird sofort offensichtlich, dass die erste Mannschaft davon profitieren kann, wenn die Spieler praktizierte Automatismen bereits in der Jugend gelernt haben.

Erfolgsfaktor Spielphilosophie: Wird eine einheitliche Spielphilosophie vereinsweit praktiziert, wissen alle Spieler von der U10 bis zur U18 was in bestimmten Spielphasen zu tun ist. Die Spieler, die dann den Schritt in die erste Mannschaft schaffen, haben den dort geforderten Spielstil bereits über Jahre hinweg verinnerlicht.

Der DFB über die Spielphilosophie des FC Barcelona: Ballbesitzspiel von Anfang an3

Alle Mannschaften des FC Barcelona spielen bei Ballbesitz maximal breit und hoch. Das Spiel findet somit hauptsächlich in der gegnerischen Spielfeldhälfte statt. Alle Spieler sind in ihren jeweiligen Altersklassen technisch so stark, dass sie im Ballbesitzspiel den Ball halten, das Spiel mehrfach sicher verlagern und so Lücken für einen erfolgreichen Angriff durch Vertikalspiel oder Einzelaktionen herausspielen können. Aufgrund des sehr hohen Spiels in der gegnerischen Hälfte gilt es bei Ballverlust, den Ball sofort mit höchstem Druck zu jagen und zurückzuerobern.

Lucien Favre über Barcelona4

Sie verkörpern eine Philosophie. Bei Barca hat sie Johan Cruyff installiert. Ballzirkulation, ein Wechselspiel von Tempo und Ruhe. Beschleunigen im richtigen Moment, um den Gegner aus seinen Positionen herauszuspielen. Spielintelligenz. Das ist auch meine Philosophie.

Pep Guardiola5

Über die Spielweise:

I have the Ball, I pass the Ball; I have the Ball, I pass the Ball. We have the Ball, we pass the Ball.

Über Eigengewächse:

The Player who has come through La Masia has something different from the rest, it’s a plus that only comes from having competed in a Barcelona shirt from the time you were a child.

Über Prinzipien, die die Spieler von Anfang an lernen:

I like to win, I like to train, but above all, I want to teach people to compete representing universal values: values based on respect and education. Giving everything while competing with dignity is a victory, whatever the scoreline suggests’.

Xavi Hernández: This is Barca.5

I make myself avalible to help you; I look at you, I stop, I keep my head up and look, and, above all I open up the pitch. That comes from the school of Johan Cruyff and Pep Guardiola. This is Barca.

» 2. Teil: Kritische Erfolgsfaktoren der Jugendarbeit des FC Barcelona

Das Ausbildungskonzept des FC Bacelona

  1. Teil: Die Rolle der Spielphilosophie
  2. Teil: Kritische Erfolgsfaktoren der Trainingspraxis
  3. Teil: Basisübungen und Spielformen
  4. Teil: Komplette Trainingseinheiten aus der “La Masia” (demnächst)
  5. Teil: Saisonplanung: von Macrocycles zu Microcycles (demnächst)
von Frank Schultheiss

Quellenhinweise:
1ECA Youth Task Force, European Club Association (Hg.): Report on Youth Academies. Nyon 2012, S. 147
2Zivic, Thomas: Der kompetente Fußballtrainer. Moderne Arbeits- und Sichtweisen. Leer 2011, S. 28-87
3Deutscher Fußballbund: La Masia: Die Jugendakademie des FC Barcelona. Frankfurt 2012. URL: http://talente.dfb.de/index.php?id=519670
4Schulze-Marmeling, Dietrich: Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball. Göttingen 2012, S. 13
5Balague Guillem: Pep Guardiola. Another Way of Winning. London 2012, S. 311-313

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