Die Elite-Akademie: eine Perspektive von Jose V. Portoles

Training in der "Ciudad Real Madrid"

Es wird meist davon ausgegangen, dass eine „Elite-Akademie“ großartige Spieler produziert, Trainer mit großen Titeln beschäftigt und sehr erfolgreich Wettbewerbe gewinnt. Eine prächtige Anlage mit perfekten Plätzen ist selbstverständlich. Aber sind das wirklich die entscheidenden Kriterien einer Elite-Akademie? Ich würde sagen nein! Nach meiner Auffassung sind optimale Prozesse in höchster Qualität auf jeder Interventionsebene entscheidend für das Prädikat „Elite-Akademie“.

Jede Fußballakademie sollte einem Entwicklungsmodell folgen, das im Einklang mit den individuellen, kulturellen und sportlichen Überzeugungen steht. Dies sollte auch in Übereinstimmung mit den Vorstellungen der Personen stehen, die für die Erziehung, Bildung und die soziale Entwicklung der Kinder verantwortlich sind. Das heißt also, es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der allgemeinen Erziehung und dem Fußball.

Zurzeit zeichnen sich drei unterschiedliche Ansätze bei Jugendakademien ab, die sich in die folgenden Kategorien einordnen lassen:

  • Die Ausbeuter: Sie wollen die stärksten Teams haben und versuchen sofort möglichst viele Wettbewerbe zu gewinnen, indem sie schon bei den Jüngsten versuchen die höchstmögliche Leistung auszupressen.
  • Die Veredler: Das wichtigste Ziel ist hier Top-Spieler zwischen 14 und 17 zu verpflichten, um mittel- bis langfristig Positionen in der ersten Mannschaft zu besetzen.
  • Die Formative: hier wird langfristig oder sogar sehr langfristig gedacht, ein Fokus liegt auf der Phase mit dem größten Einfluss auf die zukünftige Entwicklung (vor der Pubertät), der volle Respekt vor den „Spielern im Entwicklungsprozess“ ist elementarer Grundsatz.

Sicherlich gibt es auch Mischformen mit mehr oder weniger großen Akzenten in verschiedenen Bereichen. Aus meiner Sicht hat das formative Konzept jedoch den größten Wert.

Für die meisten Vereine Luxus: die Dusche für Fußballschuhe in der Akademie von Real Madrid

Für die meisten Vereine Luxus: die Dusche für Fußballschuhe in der Akademie von Real Madrid

Jede Elite-Akademie sollte als vitale Umgebung betrachtet werden und als Nährboden für die bestmögliche Entfaltung des Potenzials im Einklang mit dem individuellem Rhythmus. Es muss sichergestellt sein, dass die Ausbildungsprogramme die Interessen der „Spieler im Entwicklungsprozess“ verfolgen und keine anderen. Es ist nicht akzeptabel, dass Erfolgsinteressen für Mannschaften in jeder Alterskategorie über die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Spieler gestellt werden. In diesem Zusammenhang ist der „Respekt für die Individualität“ für Elite-Akademien erforderlich. Das ist besonders wichtig bei sehr jungen Spielern und wird dadurch erreicht, was wir den PISL nennen (Plan of Individual Sporting Life).

Mit der Adaption des respektvollen oder formativen Modells vermeiden wir die Gefahr einer „Massenfabrik“, in der Individualität und Charakter vernichtet werden. Eine Nachwuchsabteilung sollte das Gegenteil sein: ein Ort wo jedes Individuum den eigenen Qualitäten entsprechend gestärkt wird. In diesem Sinne wird eine sportliche Kultur gefördert, in der jeder seinen eigenen und einzigartigen Beitrag leistet.

Die erfolgreiche Umsetzung des formativen Konzeptes erfordert die einheitliche Mitwirkung aller Beteiligten. Das gilt insbesondere für die Eltern, Trainer und Assistenten aber auch die nächsten Verwandten und im Falle der öffentlichen Aufmerksamkeit auch für die Medien. Auf diese Weise erhält das Kind eine klare Botschaft, unabhängig davon, von wem es gerade begleitet wird. Einige Personen haben zwar mehr, andere weniger Einfluss, aber trotzdem muss auch das gesamte Umfeld in den formativen Prozess einbezogen werden, damit Erziehungsgrundsätze und Kommunikation möglichst aus einem Guss kommen. Das Ziel ist dabei, durch einen rundherum einheitlichen Ansatz, die Wirkung aller Ausbildungsmaßnahmen zu verstärken.

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Eine hervorragende Anlage erleichtert die Arbeit, es gehört aber noch viel mehr dazu

Die Entwicklung des Spielers als pädagogischer Prozess

Um einen effizienten Lernprozess zu gestalten, ist es wichtig, die jungen Spieler so gut wie möglich zu kennen und die methodischen Aspekte zu steuern. So werden die Effizienz und auch die Kontrolle der zu vermittelnden Inhalte sichergestellt.

Das Ziel jedes Entwicklungsprozesses ist ein umfassenderes Verständnis für die optimalen individuellen Lernprozesse. Dabei muss verstanden werden, dass die Trainer nicht die wichtigsten Akteure in diesem Zusammenspiel sind, sondern die Spieler. Trainer müssen sich nach den Bedürfnissen der Spieler richten, ihnen als Individuum vertrauen und sie dabei unterstützen ihre Ziele zu erreichen. In diesem Sinne sind nicht die Planung und Durchführungen von Übungen das Entscheidende, sondern ein ganzheitlicher Lernprozess, der sich nach den Bedürfnissen der Kinder richtet: Respekt, Spaß und die Beachtung ihrer Entwicklungsphase. Dabei sollte nicht auf Disziplin, Verantwortung und Einsatzbereitschaft verzichtet werden, die sich mit der Zeit entwickeln, wenn ein Umfeld mit hoher emotionaler Bindung geschaffen wird.

Von der pädagogischen Perspektive ist es wenig sinnvoll die Priorität auf Standardtrainingsinhalte zu legen, die den Fußball soweit runterbrechen, bis er seine Natur verliert. Stattdessen sollten die individuellen Bedürfnisse der Ausgangspunkt für die Ableitung der Lerninhalte sein: die einzelnen Entwicklungsstufen und der individuelle Kontext müssen dabei Berücksichtigung finden, denn Lerninhalte und Aufnahmefähigkeit sind dementsprechend spezifisch. Gruppen gleichen Jahrgangs können beispielsweise signifikant unterschiedliche Merkmale aufweisen und es wäre falsch hier die gleichen Inhalte einzusetzen.

Außerdem sollte jeder pädagogische Prozess eine Verinnerlichung der Inhalte zur Folge haben, die nur dann effizient funktioniert, wenn die Beziehung zwischen Spieler und Trainer auf einer emotionalen Komponente beruht. Diese Dynamik kann sich nicht voll entfalten, wenn die Aufgaben nicht differenziert, sondern erzwungen oder standardisiert sind. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass der Trainer zum intensiven Beobachter wird und seine „diktatorischen“ Anweisungen zur exakten Reproduktion seiner Vorgaben auf ein Minimum reduziert. Wenn der Trainer permanent Anweisungen an die Spieler gibt, die sie exakt umsetzen sollen, werden zwangsläufig Spielertypen entwickelt, die auf Traineranweisungen angewiesen sind.

Das Ziel ist aber Spieler zu entwickeln, die nicht zum Trainer schauen, um Lösungen für Spielsituationen zu erhalten, sondern die Fähigkeit besitzen, selber Lösungen zu finden. Dies kann jedoch nicht erreicht werden, wenn die nötige Handlungsfreiheit unterdrückt wird, aus der Kreativität und Phantasie erst entstehen können. Natürlich bedeutet das nicht, das die Spieler während der Trainingseinheiten immer das machen dürfen, wonach ihnen gerade der Sinn steht.

Teambesprechung in der Akademie von  Atletico Madrid

Teambesprechung in der Akademie von Atletico Madrid

Vor diesem Hintergrund ist es schwer einen strengen Lehrplan zu erstellen, der dann strikt umgesetzt werden kann. Stattdessen sollten die verantwortlichen der Akademie die pädagogischen Kompetenzen besitzen, um Trainingsinhalte entsprechend der individuellen Anforderungen, der Entwicklungsphase und der methodischen Aspekte zu Gestalten. Daraus resultiert, dass die Experten der Nachwuchsförderung nicht unbedingt nur einen Fußballhintergrund haben müssen. Die fähigsten Köpfe einer Elite-Akademie sind also nicht unbedingt die besten ehemaligen Spieler oder Berühmtheiten.

Abschließend sei darauf hinzuweisen, dass der Lernprozess und die Leistung nicht gleichzusetzen sind. Spieler können auch eine hohe Leistung zeigen, ohne in einen effektiven Lernprozess zu durchlaufen. Ein starker Lernprozess garantiert jedoch die Optimale Leistungssteigerung und Stabilisierung des Spielers.

Leider fehlt oft die Geduld, um einen starken Lernprozesses in Gang zu setzen und die Trainer Tappen in die „Leistungsfalle“. Sie versuchen eine methodische „Abkürzung“ zu nehmen, mit dem Ziel, die Leistung kurzfristig auf den höchsten Level zu heben. Ein effektiver Lernprozess hingegen braucht Zeit und ist der sicherste Weg um Defizite in der Entwicklung zu vermeiden. Darüber hinaus kann nur so erreicht werden, dass diese Dynamik auch das Leben der jungen Spieler hindurch anhält.

Der methodische Prozess, der ausgewählt und angewandt wird, hat letztendlich den größten Einfluss auf die Qualität der Spielerentwicklung und kann somit als das Hauptinstrument für Trainer verstanden werden.

Impressionen der Akademien des FC Barcelona und von Espanyol

In diesem Teil des zweiteiligen Artikels schreibt der ehemalige Direktor der Valencia CF Academy, José V. Portolés Montañés, über die Konzeption der “Elite-Akademie, im ersten Teil geht es um die Entwicklung von “Elite-Spielern”.