Höchstleistung durch freies Spielen: Wie viel Coerver braucht das Kind?

Schwer beeindruckend die Ballbeherrschung dieser Jungs im Video. Kaum ein ambitionierter Jugendtrainer, der nicht nach dem Anblick der Videos diese Übungen auf den Trainingsplan bringt. Doch das massive Training mit vielen Wiederholungen nach der Methode von Wiel Coerver kann schnell langweilig werden. Natürlich wird die Technik und Koordination zur Ballbeherrschung verbessert, doch für sich genommen ist das nicht mehr als Artistik. Bei der Trainingsgestaltung sollte immer im Vordergrund stehen, dass Kinder am besten Fußballspielen durch Fußballspielen lernen. Auf die richtige Dosis kommt es also an.

Die Sportwissenschaftler Jean Coté, Joseph Baker und Bruce Abernethy haben untersucht, welche Auswirkungen die Anteile von gezielten Übungen und freien Spiels auf die zukünftige Entwicklung von Sportlern haben. Das Ergebnis ist das Developmental Model of Sport Participation (Entwicklungsmodell der sportlichen Betätigung, Abb. u.). Hervorzuheben ist dabei, dass ein hoher Anteil des freien Spielens, möglichst in mehreren Sportarten, bis zum 10. Lebensjahr besser für die Entwicklung der Kinder ist, als ein hoher Anteil gezielter Übungen und die frühe Spezialisierung auf eine Sportart.

Quelle: Cote, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2007). Practice and Play in the Development of Sport Expertise. In R. Eklund & G. Tennenbaum (Eds.), Handbook of Sport Psychology, (pp. 184-202; 3 ed1t1on). Hoboken, NJ. Wiley. (Original Englisch, übersetzt von Exciting Football)

Quelle: Cote, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2007). Practice and Play in the Development of Sport Expertise. In R. Eklund & G. Tennenbaum (Eds.), Handbook of Sport Psychology, (pp. 184-202; 3 edition). Hoboken, NJ. Wiley. (Original Englisch, übersetzt von Exciting Football)

Eine weitere Studie hat die Effekte von unstrukturierten Spielformen auf die Entwicklung von Spielintelligenz und taktischen Verhalten untersucht (THE EFFECT OF DELIBERATE PLAY ON TACTICAL PERFORMANCE IN BASKETBALL, Memmert/Greco/Morales 2010). Die Analyse ergab, dass das freie Spiel bei 10 bis 12-Jährigen Spiel- und taktische Intelligenz im Basketball, Handball und Fußball deutlich verbesserten, indes die strukturierten trainingsformen keine signifikanten Verbesserungen erreichten.

Recent research has suggested that the perception of, and acting in, many different sport game situations has a positive influence on improvement of tactical performance (see Baker, Côté, & Abernethy, 2003; Memmert & Roth, 2007; Berry, Abernethy, & Côté, 2008). More specifically, unstructured play-like involvement (Côté, et al., 2003) seems to play a crucial role in the development of tactical behavior in basketball, handball, field hockey, and soccer.

Rene Maric schrieb in einem interessanten Artikel bei Spielverlagerung.de über die Coerver Methode und ihre Kritikpunkte:

Neben dem Aspekt der praktischen Umsetzung in Drucksituationen oder der korrekten Entscheidungsfindung gibt es auch andere Kritikpunkte an der Coerver-Methode. Eine oft erwähnte Kritik bezieht sich dabei vorrangig auf die enorme Repetition von einzelnen Bewegungen. Wie effektiv können diese sein? Und inwiefern geben sie den Kindern Fähigkeiten auf Kosten von möglicher Langeweile? Außerdem wird kritisiert, dass der Teamaspekt vernachlässigt wird und die Trainer enorme Fähigkeiten in der Bewegungskorrektur, in verbaler Kompetenz sowie bei ihrer dynamischen Auffassungsgabe besitzen müssen.

Rafael Wieczorek, Coerver Direktor Deutschland, schrieb im DFB-Magazin Fußballtraining, wie mit Hausaufgaben Technikdefizite verbessert werden können. Die eigene Erfahrung zeigt jedoch, dass Kinder wenig Begeisterung für zusätzliche Hausaufgaben aufbringen. Auch Zuhause im Garten ist für die meisten Kinder das freie Spielen nach eigenen Ideen interessanter. Dies ist auch wichtig, damit die Kinder das Potenzial ihrer eigenen Kreativität entfalten können. Wenn es gelingt, die Kinder zu motivieren, von sich aus Tricks und Übungen auch außerhalb des Trainings in ihr Spiel einzubeziehen, ist das sicher eine gute Sache.

Fazit: Ist das Coerver Coaching Modell das richtige für die sportliche Entwicklung?

Vorausgesetzt die Dosierung des massiven Techniktrainings mit vielen Wiederholungen stimmt, kann diese Frage für diesen Bereich ganz klar mit ja beantwortet werden. Hier bietet Coerver hervorragende Übungen. Der Anteil des freien Spiels, das entscheidend für die Entwicklung der Kreativität und Spielintelligenz ist, darf nicht darunter leiden. Eine Analyse des gesamten Coerver Konzepts und eine valide Antwort auf die Frage, ob es ratsam ist, exakt danach zu auszubilden, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Der eigenen Erfahrung nach, rückt bei Coerver der Fußball zu sehr als Schablone in den Vordergrund, durch die die Kinder “durchgedrückt” werden. Ein nachhaltiges Entwicklungsmodell, mit dem nötigen Respekt vor den Kindern als Individuum, sollte jedoch nicht den Fußball, sondern die Kinder selbst im Zentrum haben (vgl. Portoles 2011).

Hier sollte sich jeder Trainer fragen, welche Spieler er denn selber im Erwachsenenbereich haben möchte. Dem Modell in der Abbildung oben folgend, wird sich wohl jeder Trainer den unter den Aspekten “2. Wahrscheinliches Ergebnis” ausgebildeten Spieler wünschen. In diesem Sinne sollte dann auch ausgebildet werden.

Nachtrag: Rafael Wieczorek, Coerver® Coaching Director Deutschland & Österreich, bezog Stellung zu dem Artikel und sendete uns folgendes per E-Mail:

Mit Interesse habe ich Ihren Artikel über das Thema Coerver Coaching gelesen. Wenngleich ich den Artikel durch die zahlreichen Studien & Kommentare von Experten sehr lesenswert fand, so weist er doch im Bezug auf unsere Methodik einige Fehler auf. Zwei Punkte möchte ich hierbei aufgreifen.

Eine gewisse Anzahl an Wiederholungen, um Dinge zu erlernen oder zu perfektionieren, ist unerlässlich. Dies gilt für den Fußball genauso wie für Vokabeln lernen, Klavier spielen und vieles mehr. Wiederholungen führen nämlich dazu, dass Fertigkeiten im „Gedächtnismuskel“ tief verwurzelt werden und dadurch Aktionen automatisch passieren ohne darüber „nachdenken“ zu müssen. Bei Spielern wie Messi spricht man davon, dass er intuitiv die richtigen Entscheidungen trifft. Dies liegt eben daran, dass bei seinen Bewegungen Automatismen greifen, die seine Aktionen schneller machen. Ein gutes Beispiel weg vom Fußball ist hierbei das Schalten beim Autofahren. Während man in den ersten Fahrstunden noch gesagt bekommt, dass man hoch- oder runterschalten soll bzw. sich dann selbst konzentrieren muss, wann was zu geschehen hat, so schaltet man nach einer gewissen Anzahl an Wiederholungen automatisch ohne darüber nachzudenken.

Die neuronale Entwicklung ist bei Menschen im Alter von 12 bereits zu 95% abgeschlossen. Daher ist es aus unserer Sicht wichtig, dass wir gewisse Dinge im goldenen Lernalter bereits tief verankern. Bei den Wiederholungen geht es aber lediglich um das Erlernen bestimmter Aktionen, wie z.B Finten. Diese Technik (bzw. Technik im allgemeinen) ist ja aber nur ein Teil des Spiels. Was Bereiche wie Antizipation oder Übersicht angeht, so gebe ich Ihnen vollkommen Recht, dass das idealerweise im Wettkampf bzw. freien Spiel wesentlich besser geschult wird.

Doch genauer dieser Punkt, der in Ihrem Artikel Coerver Coaching vorgeworfen wird, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Methode. Zum Einen ist das „freie Spiel“ ein großer Baustein unseres Trainings, insbesondere in den jungen Jahren. Zum anderen werden die meisten unserer Übungen im Wettkampf mit freier Entscheidung für den Spieler durchgeführt. Die Spieler sollen lernen, in realistischen Wettkampfsituationen aus den Erlernten Dingen den richtigen „Schlüssel“ zu wählen. Durch die Wiederholungen zeigen wir den Spielern, welche Möglichkeiten sie haben, ein Problem zu lösen. Im Wettkampf lernen die Spieler selbständig, die richtige Entscheidung zu treffen, ohne das hierbei der Trainer vorgibt, was der Spieler zu tun hat. Wie Sie sehen, ist der Weg, den wir gehen genau der, den Sie bei Coerver vermissen.

Was die Hausaufgaben angeht, so muss ich ihnen mitteilen, dass wir da gänzlich andere Erfahrungen gemacht haben. Natürlich kicken Kinder in ihre Freizeit am liebsten mit ihren Freunden in Form eines Wettkampfs oder Bolzen einfach nur aufs Tor. Wenn man aber Kindern einen tollen Trick ihrer Stars und Idole zeigt, dann sehen wir sehr oft wie Kinder die Woche drauf zu uns kommen und uns stolz präsentieren, dass sie den Trick jetzt auch können.

Rafael Wieczorek
Coerver® Coaching Director Deutschland & Österreich

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von Frank Schultheiss